«Die Medizin ist in Schmerz und Leid bereits vorhanden.
Sieh nur still und tief hin.
Dann geht Dir auf, dass sie dort immer schon war.»
Weisheit der nordamerikanischen Ureinwohner
Es war einmal vor sehr langer Zeit ein altes Weib. Es lebte inmitten des Waldes in einem kleinen Haus aus verwittertem Tannenholz. An ihrem braunen Rock hingen Holzreste, die sich beim Hacken darin verfangen hatten. Im Inneren des Häuschens roch es nach allerlei Kräuter und Heilpflanzen und im alten Kachelofen knisterte ein wärmendes Feuer aus dessen Kraft das Weib die Tage des Lichtes webte. Tagein, tagaus webte und webte sie aus der Kraft des Feuers, das gleichermassen in ihrem Herzen brannte.
Neben ihr sass ein blondes Mädchen mit lockigem Haar auf einem hölzernen Schemel. Die Beine baumelnd und neugierig die Grossmutter betrachtend, fragte sie: «Grossmutter, erzählst Du mir eine Geschichte?» «Natürlich mein Liebes, lass mich kurz nachdenken…», dann fuhr sie fort…
«Es war einmal vor sehr langer Zeit ein Mädchen, das lebte in einem Dorf umrandet von Wäldern, schönen Bächen und prachtvollen Blumenwiesen. Das Mädchen verbrachte seine Tag damit, durch die Wälder zu streifen, mit Eichhörnchen und Rehen zu sprechen und mit Blumen zu singen. Doch der Schein trügte, denn draussen fegten finstere Dämonen um die Wälder und Dörfer und manchmal trübten sie mit ihrer Finsternis sogar die Sonne.
Die Menschen fürchteten sich sehr und die Finsternis breitete sich bedrohlich über alle Lande aus. Die Dämonen der Finsternis hatten böse Absichten und schlichen umher, um die Lichter in den Herzen der Menschen auszulöschen, denn von der Dunkelheit ernährten sie sich. Und je mehr Lichter erloschen, desto mächtiger und zahlreicher wurden sie.
Einige Dorfbewohner erstarrten vor Schreck und liessen sich hilflos ihres Lichtes berauben. Andere wiederum zückten ihre Schwerter, zogen auf in den Kampf gegen das Böse und schlugen wild um sich herum. Sie erzählten sich viele verschiedene Geschichten über den Ursprung, die Art und Beschaffenheit der Dämonen und ihre finsteren Absichten. Andere erzählten Geschichten über weit entfernte Sterne, ferne Völker anderer Planeten und Retter, die die Menschen von den Dämonen erlösen sollten.
Obwohl in vielen Geschichten einige Wahrheiten lagen, vergassen die Menschen, die gegen die Dämonen ankämpften, das Licht in ihren Herzen zu nähren. So wurden die Lichter stetig schwächer angesichts der ständigen Wiederholungen all der Erzählungen. Die Menschen bemerkten in ihrem kräftezehrenden und blinden Kampfe nicht, wie ihre Herzenslichter nach und nach erloschen und gleichermassen die Dämonen mehr und mehr an Macht gewannen.
Es waren finstere Tage der Kriege und der Angst. So war auch das Mädchen in grosser Furcht. Es allerdings wollte nicht blindlings kämpfen, sondern zog es in die Wälder und suchte einen sicheren Unterschlupf.
An einem Baumstrunk sah es eine Öffnung, da schlüpfte es hinein. Es gelangte in eine tiefe, dunkle Höhle mit vielen Verzweigungen und furchterregenden Kreaturen, die das Mädchen in abgelegene Gänge zu locken suchten. Ihre nackten Füsse waren ganz kalt vom feuchten, schlammigen Boden der Höhle. Sie kroch durch enge Stellen und litt fürchterliche Angst, Durst und Hunger. Doch eine stille und lichte Gewissheit in ihr liess sie weiter in die Tiefe kriechen bis zum Ende ihrer Kräfte. Völlig ausgezehrt und schmutzig von dem feuchten Schlamm, liess sie sich am tiefsten Grund der Höhle nieder. Sie weinte und schluchzte vor Erschöpfung und all die Geschichten über die Dämonen verfolgten sie bis in die Tiefe. Doch da geschah etwas Wundersames.
Sie spürte in ihrem Herzen ihr Licht, das stärker und stärker zu leuchten begann. Es wärmte und nährte sie heilsam von innen. Gleichermassen erhellte es auch den Grund der Höhle. Und sie erkannte im Zentrum des Geflechts all der Geschichten und hässlichen Kreaturen, dass sich die finsteren Dämonen vor dem Licht ja fürchteten und ebenso, dass sie selbst ihr inneres Licht mit ihrer Wachsamkeit und Pflege gleichermassen nährte, wie das Licht sie nährte.
So erwuchs in ihr die Klarheit, dass eben dieses Licht sie beschützte vor aller Dunkelheit und Finsternis. Sie erlangte innige Kraft, erhob sich und ging den ganzen Weg zurück durch die Höhle, die nun allerdings mit ihrem Licht erhellt wurde und das Mädchen mühelos den Weg zum Ausgang im Baumstrunk wieder fand.
In den Landen tobten noch immer die finsteren Mächte und es schien, als ob sie alles Lichte fast verschlungen hätten. Das Mädchen allerdings war sich gewiss, dass die Dämonen ihr nichts mehr anhaben konnten, weil sie erkannt hatte, dass sie durch die Nährung ihres Herzenslichtes sich selbst und die Lande erhellte. Und das fürchteten die finsteren Dämonen am allermeisten, weil ihre Nahrung die düstere Finsternis war. Und so zog sie krafterfüllt hinaus in die Welt, nährte ihr Herzenslicht und webte fortan gleichermassen die Tage des Lichts.
Eine stille Gewissheit durchströmte sie dabei, nämlich, dass es noch andere Menschen gab, die dasselbe taten und dass all die Lichtstrahlen sich eines Tages treffen und ein grosses leuchtendes Geflecht entstehen lassen, so dass die Finsternis dem Lichte weichen muss.»
Corinne Faenzi
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