Heilt Zeit alle Wunden?

Das Sprichwort ist seit dem 16. Jahrhundert belegt. Ursprünglich lautete die lateinische Formulierung „Tempus omnia vulnera sanat“, was direkt übersetzt „Die Zeit heilt alle Wunden“ bedeutet.

Doch ist dem wirklich so – heilt der Verlauf der Zeit, über die man ohnehin sehr differenziert denken und die man unterschiedlich wahrnehmen kann, tiefgreifende oder gar traumatische Erlebnisse?

In ein jedem Leben gibt es Erfahrungen, die das Potenzial haben, uns buchstäblich den Boden unter den Füssen wegzureissen. Irgendwo im Nirgendwo finden wir uns wieder. Ergriffen von einer immensen Welle, die den Meeresgrund bis zur völligen Orientierungslosigkeit aufwirbelt.

Gemäss der in uns angelegten Kampf-Flucht-Reaktion, beginnen wir oft wie wild um uns herum zu zappeln, in der Hoffnung mit der kleinen Zehe vielleicht – und nur vielleicht – in Berührung mit dem Grund zu kommen. Doch die kleine Schwester namens Hoffnung macht uns einen gewaltigen und ernüchternden Strich durch die Rechnung – da ist nichts von Grund und Boden zu spüren während der Zappelpartie – schon gar nicht `mit der Zeit`. Viel mehr erliegen wir irgendwann der Erschöpfung vor lauter Zappeln und Rappeln. Pech gehabt – Versuch gescheitert… Go on, auf ein ander Mal. Ja, gerne oder Nein Komma Danke?

Nun gibt es da auch eine andere Variante. Anstelle des Rumzappelns könnten wir – im Wissen und der Erfahrung des ewig gleichen Kampf-Flucht-Modus – auch versuchen, uns bis auf den Grund gleiten zu lassen. Ja, genau, tief einsinken, uns ergreifen lassen, mit den Wogen mitgehen, anstatt ihnen den vergeblichen Kampf anzusagen. Und ja, das ist leichter gesagt, als oft getan. Und ja, das kann geübt werden, wenn die nötige Klarheit über diesen immer gleichen abgedroschenen Prozess sich nach und nach einstellt. Und ja, das bedarf der Selbstreflexion und ist mühseliger als die Projektion nach aussen.

Und jetzt kommt das grosse ABER:

Hingabe lohnt sich. Hingabe hat das Potenzial Klarheit und Orientierung zu finden, anstelle `mit der Zeit` etwas verblassen zu lassen, im naiven Glauben, dass, wenn es aus den Augen, ebenso aus dem Sinn sei. Das ist ein grosser und auch gefährlicher Irrtum. Denn es gärt `mit der Zeit` im Unsichtbaren, um sich dann irgendwann und vulkanartig, einen Weg in die Sichtbarkeit zu bahnen.

Zeit heilt keine Wunden. Sie lässt uns lediglich einen Umgang mit dem Schmerz finden.

Hingabe, Klarheit, Orientierung können, wenn überhaupt, Wunden heilen. Ein Raum zur Übung des scheinbar Unmöglichen bieten wir mit unserem Seminar „Das Zentrum der Kraft“ an. Falls Du Dich gerufen fühlst: hier gehts lang…

Corinne Faenzi

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